Fahrt ins Paradies - Glücksmomente für Jung und Alt

Die Fahrt ins Paradies - eine Berg- und Talbahn - mit nostalgischem Spaßfaktor am Straubinger Gäubodenfest

Dieses Mal möchten wir Ihnen einmal ein Karussell aus vergangen Tagen vorstellen, welches auch mittlerweile auf dem Straubinger Gäubodenvolksfest seine treuen „Fans“ gefunden hat. Die Familie Toni Schleifer gastierte damit zum ersten Mal auf dem Jubiläumsgäubodenvolksfest 2012 in Straubing und zählt seither zu den beliebtesten Karussellanlagen im historischen Bereich. In einer kleinen Reportage möchten wir Ihnen die „Fahrt ins Paradies“ genauer vorstellen.

Die „Fahrt ins Paradies“ besitzt 16 komplett aus Holz gefertigte Gondeln, hat eine Grundfläche von 15 Metern im Durchmesser und ist 7 Meter hoch.

„Berg- und Talbahnen“

Die ersten Berg und Talbahnen (wie diese Karusselltypen heißen) kamen in den 1890er Jahren von England nach Deutschland. Diese Bahnen bestachen durch ihre reichhaltigen Barockverkleidungen und ihre gigantische Größe. Dampfmaschinen trieben diese gewaltigen  Karussells an und erzeugten den Strom für die Beleuchtung.

Weiterentwicklung „Raupe“

Eine Weiterentwicklung war in den 1920er Jahren die Raupe, bei der zum Ende einer Fahrt, der sogenannte Balg sich schloss und man die letzen Runden im Dunkeln verbrachte. Zu Beginn der 1930er Jahren entwickelte die Firma Friederich Heyn aus Neustadt an der Orla/ Thüringen, die weltbekannt für ihre Karussellpferde und andere aus Holz geschnitzte Karusselltiere war, den Karusselltyp „Seesturmbahn“ oder „Fahrt ins Blaue“, zu dem auch die „Fahrt ins Paradies“ gehört. Der Unterschied zu den ersten Berg und Talbahnen bestand in der Anzahl der Berge und Täler. Hatten die anfänglichen Karussells nur 2 Berge, die Raupe schon 3, hat die „Fahrt ins Paradies“ schon 4 Berge. Hierdurch ergibt sich eine lustig angenehme Fahrweise, die in damaligen Annoncen als „humoristische Tempofahrt“, „Wellenfahrt“ oder „lustige Fahrt ins Blaue“ bezeichnet wurde.

Der Vorgänger „Die Fahrt ins Blaue“

Die „Fahrt ins Blaue“ (Prototypbezeichnung, Anmerkung der Redaktion) wurde am 25.April 1939 von der Firma Friederich Heyn  an den Schausteller Jakob Pfeiffer aus Bruchmühlbach/Pfalz ausgeliefert. Jakob Pfeiffer starb während des Krieges. Sein Sohn Walter Pfeiffer bereiste mit einem Etagenkarussell und der „Fahrt ins Blaue“, nach dem Krieg die nähere Umgebung, vermutlich um Kaiserslautern.

Anfang der 1950er Jahre kaufte Walter Pfeiffer zusätzlich einen Autoskooter und ein Kettenkarussell. Kurze Zeit später lagerte man die Bahn fein säuberlich in einem Schuppen, im Garten des Wohnhauses ein. Dort fiel das Karussell in eine Art Dornröschenschlaf, der annähernd 50 Jahre andauerte. Walter Pfeiffer hatte in erster Ehe nur einen Sohn, Harald. Alle weiteren Beziehungen blieben kinderlos. Diese Ehe wurde 1952 geschieden. Der Kontakt zwischen Vater und Sohn riss bis kurze Zeit vor Pfeiffers Tod ab.

2001 starb Walter Pfeiffer im Alter von 91 Jahren. Seine Karusselle hatte er in den 70er Jahren alle verkauft, bis auf seine benannte „Fahrt ins Paradies“. Sein Sohn Harald, mittlerweile auch schon über 70 Jahre alt, erbte als alleiniger Nachkomme das Haus mit Grundstück und Schuppen. Wie er die Karussellteile im Garten sah, erinnerte er sich an seine Kindheit und an das Karussell. Im Haus fand man noch alte Pläne und Fotos, eine Teil der alten Schellackplatten (Schallplatten – die älteren Leser unter Ihnen kennen diese noch) und einen ganzen Schuhkarton mit Fahrkarten der Bahn.

Die Schleifers entdeckten die Bahn in einem alten Schuppen

Aus den alten Karussellunterlagen ging hervor, dass die Bahn aus Neustadt in Thüringen stammte. Also nahm man Kontakt zur Stadt Neustadt auf, um eventuell dem dortigen Heimatmuseum das gute Stück zukommen zu  lassen. Die zeigten allerdings an dem Fahrgeschäft kein Interesse. Susanne Fredebeul, die ein Buch über die Neustädter Karussellindustrie schreibt, speziell über die Firma Friederich Heyn, recherchierte zu dieser Zeit in Neustadt und erfuhr so zufällig von der Existenz dieses Karussells.

Bei einem Besuch bei Frau Fredebeul, sah Toni Schleifer Fotos der Bahn, die ihn sofort faszinierten. Also nahm er Kontakt zu den Pfeiffers auf und besichtigte die Karussellteile. Ihm war sofort klar, dass die „Fahrt ins Paradies“ erhalten werden musste, da sich alles in einem hervorragenden Originalzustand befand und er überzeugt war, dass kein vergleichbares Karussell die Zeit überdauert hat. Die gesamte Karussellkonstruktion besteht aus Holz, sowohl Fahrbahn als auch Antrieb. Nachdem die Schleifers das Karussell aus dem Schuppen geborgen hatten, begannen sie zuhause sofort mit dem Aufbau und stellten fest, dass zwar alle Teile vorhanden waren, aber doch einiges an Arbeit vor ihnen lag.

Der TÜV Rheinland gab sein ok

Bevor sie jedoch mit der Restaurierung beginnen konnten, holte sie den Rat des TÜV Rheinland ein. Der zuständige Ingenieur staunte und beteuerte noch nie in seinem Leben ein vergleichbares Karussell gesehen zu haben. Er kam zu der Überzeugung, dass nichts dagegen spräche das Karussell wieder in Betrieb zu nehmen, wenn alle Reparaturen erledigt wären.

Die Restauration begann

Somit stand der umfangreichen Restaurierung nichts mehr im Wege. Alle Bauteile wurden von alten Lackschichten gereinigt, schadhaftes Holz wurde ersetzt, alles neu verleimt und neu lackiert. Die alten Malereien mussten aufwendig gereinigt und ausgebessert werden. Sämtliche Kabel wurden erneuert und die Elektrik nach heutigen Bestimmungen neu installiert. Ebenso musste noch ein neuer Packwagen gebaut werden. Bei der Restaurierung hat die Familie teilweise unter Anleitung eines professionellen Restaurators, möglichst viel Originalsubstanz erhalten, um den ursprünglichen Charakter des Geschäftes zu bewahren. Bei der ersten Probefahrt war selbst ein Besitzer eines modernen Fahrgeschäftes überrascht, von der angenehmen, aber doch rasanten Fahrweise. Und so ist es gelungen die „Fahrt ins Paradies“ in ihren Auslieferungszustand zurück zu versetzen!

Premiere in Düren auf der Annakirmes 2010

Die Stadt Düren ermöglichte dann der Familie Schleifer 2010 die Premiere dieses wunderschönen „Oldtimers“. Gerade dieser Umstand war für die Familie etwas besonders, da die Schaustellertradition vor über 130 Jahren auf der Dürener Annakirmes begann. Bereits 2 Jahre später gastierte die „Fahrt ins Paradies“ bereits auf der Jubiläumsveranstaltung in Straubing.

Antrieb und Technik durch Salzwasser-Anlasser

Besonders interessant ist die einfache und gerade deswegen faszinierende Technik wie die „Fahrt in Paradies“ angetrieben wird. Mittels eines sogenannten „Salzwasser-Anlassers“ nimmt das Karussell mit Hilfe eines Steuerrades (welches man gut während der Fahrt aus dem Karussell beobachten kann) Fahrt auf und lässt sich stufenlos regeln.

Das 1860 patentierte Prinzip ist einfach: Der Strom fließt durch ein Salzwasserbad, in das mit der Kurbelmechanik die Elektroden eingetaucht werden. Je tiefer sie ins Wasser ragen, umso schneller dreht sich der Motor. Unter der Drehplattform surrt noch der originale Siemens-Elektromotor mit bescheidenen 11 Pferdestärken.

Diesen interessanten Antrieb stellt Toni Schleifer auch immer den Besuchern der „Backstage-Führung“ vor die jedes Jahr vom Internetportal www.volksfest-straubing.de durchgeführt wird.

Leidenschaft

Die „Fahrt ins Paradies“ ist aber nicht „nur“ ein Karussell aus vergangenen Tagen. Sie bietet viel mehr. Man spürt förmlich die Liebe der Familie Schleifer zu diesem Karussell, die Art der Freude, die Art des Betreibens, die „Vorstellung“ des Karussells bei fast jeder Fahrt für die Besucher.

Aber nicht nur das. Die Familie Schleifer incl. Personal ist stets wie in den 1930er Jahren gekleidet, es wird die passende Musik dazu gespielt und oft kann man abends Toni Schleifer live miterleben wie er sein Saxophon spielt! Ja Sie haben richtig gelesen: an der „Fahrt in Paradies“ spielt der Chef noch selbst und höchstpersönlich! Gänsehautstimmung pur inbegriffen, denn dieser „Live-Akt“ macht es so besonders, so liebenswürdig, so echt, so traditionell!

Und so muss, bzw. darf man sagen „Hut ab“ vor der Familie Schleifer die diesen Klassiker zurück auf die Festplätze gebracht hat, vor dem Mut etwas „Altes“ doch so modern auf die Reise zurückzubringen und vor allem dieses Geschäft mit so viel „Herzblut“ zu betreiben wie man es selten sieht!

 

Wir wünschen der Familie Schleifer weiterhin alles Gute mit ihrer „Fahrt ins Paradies“ und hoffen noch auf viele schöne Stunden am Straubinger Gäubodenvolksfest und auf vielen Veranstaltungen in der Republik!

Textaufarbeitung: Andreas Kett, Zusätzliche Textpassagen: Thomas Schmid
Fotos: Archiv Familie Schleifer, Thomas Schmid, Fotowerbung Bernhard