Oktoberfest-Riesenrad Wahrzeichen des Straubinger Gäubodenvolksfestes seit 1995

Begleitbericht zu „vor 25 Jahren am Straubinger Gäubodenvolksfest 1995 | 2020“

Das Riesenrad gehört für die Straubinger zum Gäubodenfest, wie der Stadtturm zu Straubing. Beides sind lieb gewonnene Wahrzeichen. Lesen Sie hier die Geschichte über die grandiose Technik transportabler Riesenräder, über Schaustellerfamilien und den wunderschönen Weitblick auf Volksfeste aus der Sicht einer Riesenradgondel.

Riesenrad schon über 20 Mal am Gäubodenvolksfest

2020 wäre das Riesenrad zum 21igsten Mal am Straubinger Festplatz gestanden, wenn das Gäubodenvolksfest nicht - wie viele andere Feste auch - wegen der Corona Pandemie abgesagt worden wäre. Genau genommen eigentlich zum 22igsten Mal, jedoch musste es aufgrund einer Bestimmung in der Festausschuss-Sitzung 2001 einmal seinen jetzigen Stammplatz verlassen (zugunsten des „Free Falls“ der Familie Goetzke) und auf das heutige Gelände des historischen Teiles des Festplatzes umziehen, dort wo in den 90er Jahren z. B. auch Großattraktionen wie der Olympia-Looping zu finden waren. Da es damals einen großen „Aufschrei“ und auch deshalb „herbe Kritik“ seitens der Volksfestbesucher Richtung Festleitung und Aufsichtsräte gab (die Straubinger waren es einfach nicht gewohnt „ihr“ Riesenrad an anderer Stelle zu suchen und außerdem fiel ihr bekannter und beliebter „Treffpunkt“ am Eingang des Volksfestes einfach weg – was ja überhaupt nicht ging!) wollen wir dieses eine Jahr jedoch einmal außer Acht lassen.

Vorgänger der Willenborgs: die Familie Kallenkoot mit einem ihrer Riesenräder auf dem Straubinger Gäubodenvolkfest

„Jupiter“-Riesenrad von Gijsbert Kallenkoot auf dem Straubinger Gäubodenvolksfest 1966
(Bildquelle: Straubinger Ausstellungs- und Veranstaltungs GmbH).

 

Schaustellerfamilie Willenborg löste Firma Kallenkoot ab

Die Familie Willenborg ist seit den 1970er Jahren bereits mit ihren wunderschönen Riesenrädern in Straubing vertreten und sie sind aus der Gäubodenstadt auch gar nicht mehr wegzudenken. Sie lösten damals die Firma Kallenkoot ab, welche bis dahin immer die Sparte Riesenrad in Straubing besetzte. Markantes Riesenrad der Familie Willenborg war in den 70er und 80er Jahren schon der „Satellit“ (Hersteller Anton Schwarzkopf, Münsterhausen) – welcher damals immer noch links, schräg neben dem Festzelt Reisinger aufgebaut war. 1989 erhielt dieses Riesenrad eine auffällige Sonne als Dekoration, welches das Rad ungemein aufwertete. Dieser „Russe“ - wie man Riesenräder auch gerne bezeichnet - war ca. 40 Meter hoch und seiner Zeit schon das Wahrzeichen des Volksfestes.

Riesenrad „Satellit 2“ der Familie Willenborg 1985 auf dem Straubinger Gäubodenvolksfest am alten Standplatz links neben Festzelt Reisinger
1989 dann mit markanter Sonne im Zentrum

Neues Riesenrad mit 44 Metern auf dem Gäubodenvolksfest 1990

Da sich auch die Familie Willenborg weiterentwickeln und dem Wandel der Zeit anpassen musste, feierten sie dann 1990 Premiere mit einem nagelneuen Riesenrad der Herstellerfirma Mondial aus den Niederlanden. Dieses gastierte dann auch 1990 bereits in Straubing. Damals noch komplett in weiß lackiert läutete dieses Riesenrad eine neue Ära in Straubing ein. Es ist 44 Meter hoch, hat eine Grundfläche von 20x20 Metern, bietet in 32 Gondeln ca. 190 Besuchern Platz, war ab 1990 ebenfalls noch auf dem Platz links neben dem Festzelt Reisinger aufgebaut und befindet sich auch heute noch im Besitz der Familie. Insgesamt stand dieses Rad zwei Mal auf diesen Platz bevor es dann 1992 auf den jetzigen Riesenradplatz wechselte und dort bis 1994 insgesamt 3 Mal aufgebaut war.

Dieser Standplatzwechsel erfolgte deshalb, da 1992 erstmals die „3-Fach-Looping-Bahn“ von Rudolf Barth und Söhne aus München/Bonn in Straubing seinen Einstand gab und von nun an der ehemalige Riesenradplatz die Zubringerstraße zum hinteren Teil des Festplatzes für derartige Großattraktionen wurde.

1990 zum ersten Mal in Straubing: das neue Riesenrad der Willenborgs noch komplett in weißer Lackierung

Bereits 1993 wurde dann die anfangs in Straubing nur „weißer Riese“ genannte Anlage um lackiert und die Speichen erhielten zusätzlich die Farben Gelb, Orange und Rot. Aufgrund dieser Lackierung in sogenannten „warmen Farben“ ließ dieses Riesenrad erneut wie eine Neuheit erscheinen. Es war dann bis einschließlich 1994 zu Gast am Hagen bis eine weitere Ära in Straubing anbrach. Ab 1995 drehte sich dann das wunderschöne und auch vom Münchner Oktoberfest her bekannte und berühmte „Oktoberfest Riesenrad“ gleicher Schaustellerdynastie in Straubing.

1993: bereits am neuen Standplatz und mit neuer Lackierung der Speichen

„Oktoberfest-Riesenrad“ wird neues Wahrzeichen des Straubinger Gäubodenvolksfestes

Wie eingangs erwähnt steht das wohl optisch schönste Riesenrad heuer zum 21igsten Mal auf diesem Standplatz, oder auch Stammplatz. Wenn man nun richtig nachrechnet, dann denkt man sich kann dies nicht ganz richtig sein, denn 2020 minus 1995 ergibt nicht 20! Richtig. Dazu muss man auch sagen, dass das „Oktoberfest Riesenrad“ leider auch immer mit Unterbrechungen in der Gäubodenstadt gastierte, denn die Familie Willenborg kam zwischendurch auch immer wieder mal mit ihrem dritten, reisenden Riesenrad nach Straubing.

Auch das bekannte „gelbe Rad“ in bayerischer Aufmachung, welches nun schon insgesamt 4 Mal zu Gast in Straubing war, gehört der Münchner Schaustellerfamilie. Auch dieses Rad besitzt eine Gesamthöhe von knapp 50 Metern (ebenso wie das „Oktoberfest-Riesenrad“), ist jedoch wesentlich jünger (Baujahr 1998) und auch der Auf- und Abbau lässt sich schneller bewältigen als wie beim aufwendigeren Oktoberfest-Rad. Man darf sagen, dass auch dieses Riesenrad (Herstellerfirma Gerstlauer) optisch ein Rad ersten Ranges ist.

Jedoch passt einfach das „Oktoberfest-Riesenrad“ in seiner weiß-blauen Optik, mit den dekorativ schönen und mit plastischen Herzen und Enzianen bestückten Gondeln, der auffälligen Sonne im Zentrum und mit seinem „bayerischen Charme“, welches es ausstrahlt besser zu Straubing. Alleine schon von der Grundfläche her passt es exakt auf den jetzigen Standplatz und (Straubinger) Kirmesfans und Volksfest-Besucher sind sich einig: dieses Riesenrad hat Konstrukteur Anton Schwarzkopf für Straubing gebaut!

Erneuter Riesenradwechsel und bisher 4 x in Straubing: das „gelbe Riesenrad“ in bayerischer Aufmachung der Familie Willenborg (1999/2000/2002 und 2014)

Juniorchef Sebastian Willenborg sieht dies natürlich ein wenig anders, denn wie er selbst sagt ist er geborener Münchner und seine Heimatstadt ist und bleibt München. Zudem wurde ja dieser Stahlgigant 1978/1979 auch für das Münchner Oktoberfest gebaut und das erstaunliche an der Sache war die, dass trotz seiner enormen Höhe damals niemand etwas vom Bau dieses Rades wusste und es dann mehr oder weniger zum Oktoberfest 1979 ohne Wissen der Konkurrenz in München zum ersten Mal aufgestellt wurde. Gut, damals gab es kein Internet, keine „Fan-Foren“ oder ähnliches, aber dennoch ist es beachtlich, dass man den Bau eines solchen Giganten so geheim halten konnte!

2001: das „Ausreißer-Jahr“: Oktoberfest-Riesenrad auf dem hinteren Teil des Festplatzes
Ebenfalls 2001: Ungewöhnlicher und ungeliebter Standort für Straubing

Schwergewicht: ein reisendes Riesenrad

Wie eingangs erwähnt zählt dieses Riesenrad wohl zu den bekanntesten und berühmtesten Riesenrädern der Welt. Es war und ist noch immer beliebtes Fotomotiv und zählt zu den schönsten reisenden Riesenrädern. Mit seiner Höhe von 50 Metern und seinen 40 Gondeln besticht dieses Rad einfach in seiner Optik und seiner Wucht. Apropos Wucht: das Rad ist erdbebensicher, wiegt 540 Tonnen und wird auf 36 Transporte (ohne Wohn- und Mannschaftswägen) von Platz zu Platz gefahren. 16 (oder wahlweise 20 – wie z. B. auf dem Oktoberfest) von diesen 36 Transporten sind auf einer Fläche von 25x27 (oder ca. 28x27 bei 20 Containern) Metern in das Geschäft mit eingebaut und es kann ohne Kran in ca. 6 bis 7 Tagen aufgebaut und ebenso wieder zerlegt werden, obwohl dies jedes Mal einen enormen Kraft- und Personalakt bedeutet. Mittlerweile wird das Rad von 600.000 LED´s beleuchtet und alleine die Sonne im Zentrum besteht aus 35.000 Brennstellen!

Aufbau nur mehr bei bestimmten Veranstaltungen

„Langsam zu aufwendig für die Reise“ wie uns Sebastian Willenborg in einem Interview einmal erklärte, denn Personal-, Transport-, Auf- und Abbaukosten, sowie das aufwendige Betreiben, die Ersatzteile, die Reparaturen und das Instandhalten dieses „Riesen“ stehen oft in keinem gesunden Verhältnis mehr zu den Einnahmen. Deshalb wird das „Münchner Oktoberfest  Riesenrad“ auch – im Gegensatz zu früher – nur noch auch wenigen ausgesuchten Veranstaltungen aufgebaut. Darunter zählen eben Straubing, das Münchner Oktoberfest und der Berliner Weihnachtsmarkt am Rathausplatz.

Talmarkt in Bad Wimpfen im Jahr 2000 mit dem gelben „bayerischen Riesenrad der Familie Willenborg

Grandiose Technik ohne Schwerlastkran schon zu Beginn der 80er Jahre

Der grandiose Anton Schwarzkopf konstruierte ein Rad, welches erstaunlicherweise bis heute ohne Kran aufzubauen ist! Lediglich die Gondeln, Teile der Sonne und Dekorationsteile müssen mit einem Palfinger „gekrant“ werden. Alles andere stellt sich an Ort und Stelle ohne Autokran auf. Alleine die Sohle ist so genial wie einfach konstruiert.

Nach Ausnivellierung der Sohle werden auf 4 Eisenbahnschienen die 16 Container (oder auch Wahlweise 20 Container – je nach Veranstaltungsvolumen) der Grundkonstruktion gestellt und mittels Telestapler einfach in Position geschoben und verbolzt. Die sich darauf befindlichen Masten werden mittels Kettenzug in Position gezogen und dann per Teleskop-Vorrichtung ausgefahren. Die Nabe incl. der Sonne wird bereits am Boden montiert und dann zusammen mit den Masten ausgeschoben.

Nur für die Speichen ist eine Hilfskonstruktion mit Bühnen, Flaschenzügen und Montagekörben nötig damit das Rad inclusive Speichen und Radkranz montiert werden kann. Diese Arbeitsbühne verschwindet jedoch wieder nach Schluss des Rades und lässt den Besucher nicht ahnen welcher Kraftaufwand bei der Radmontage überhaupt nötig ist.

Die Gondeln werden dann mittels bereits erwähnten Palfinger-Kranes eingehoben, positioniert und verbolzt. Zwei der Gondeln sind mittlerweile Rollstuhlgerecht und neben den restlichen 38 Kabinen dreht auch noch eine „Haus-Gondel“ für besondere Anlässe Ihre Runden.

Die Sonnenstrahlen werden mittels Seilzug nach oben gezogen und an den Speichen befestigt, so dass die markante Sonne im Zentrum ihre volle Pracht sowohl am Tag, als auch in den Nachtstunden entfalten kann.

Erneute und aktuelle Umgestaltung des 44-Meter-Rades der Familie Willenborg auf der Regensburger Maidult 2019
Der ehemalige „Satellit“ der Familie Willenborg steht jetzt unter anderer Aufmachung im „Azur Park“ in Gassin, Frankreich

Wie lange nun das wunderschöne Oktoberfest-Riesenrad noch in Straubing stehen wir ist ungewiss, da es einfach zu hohe Kosten für einen 11-Tage-Platz verursacht. Die Straubinger Volksfestgäste hoffen jedoch noch auf viele Jahre mit dem wunderschönen Wahrzeichen „Oktoberfest-Riesenrad“ auf dem Straubinger Gäubodenvolksfest!

Das „Straubinger“ - Oktoberfest-Riesenrad wie es sich gehört – unter weiß-blauem, bayerischem Himmel

Video Interviews mit Sebastian Willenborg am Gäubodenfest

Interessante Ein- und Ausblicke in die Riesenrad-Welt ...

Riesenrad Interview 1 mit Sebastian Willenborg

In diesem Video wollen wir Sebastian Willenborg aus einer traditionsreichen Schaustellerfamilie vorstellen. Thomas Schmid führte mit ihm ein Interview am Gäubodenvolksfest Straubing 2017. Hier erfahren Sie mehr über die Geschichte von Riesenrädern und anderen Fahrgeschäften der Familie Willenborg.

Videoaufnahmen Interview: Thomas Schweikl
Videoaufnahmen + Schnitt: CS


Riesenrad Interview 2 Sebastian Willenborg

Welche lustige, ungewöhnliche Geschichten sind in 50 Jahren Riesenrad geschehen? Sebastian Willenborg im Gespräch mit Carola Schmidbauer von www.volksfest-straubing.de am Straubinger Gäubodenfest.

Videoaufnahmen Interview: Thomas Schweikl
Videoaufnahme Drohne: www.foto-bernhard.de
Videoaufnahmen + Schnitt + Vertonung: CS


Bericht: Thomas Schmid
Fotos: Archiv Schmid und Patrick Hartmann
Stand Text: April 2020