Das Traumschiff - die Riesenschiffsschaukel

Es zählte wohl zu den größten Schiffschaukeln aller Zeiten, seine Ausmaße waren gigantisch, die Kosten die es verschlang ebenso. Die Rede ist vom Karussell „TRAUMSCHIFF“ welches in den 80er und 90er Jahren 4 Mal in Straubing am Gäubodenvolksfest seinen Anker warf. 1992 nahm es jedoch in Straubing seine letzten Passagier mit an Bord und verabschiedete sich am 17. August endgültig aus Niederbayern.  

 

Besitzer des „Traumschiffs“ waren die Schausteller Rudi Bausch (heute bestens bekannt mit seinem „Top Spin“) und sein Partner Egon Menzel (bis 2015 mit dem Auto-Scooter „Rally 2000“ in Straubing vertreten), beide in München ansässig.

35 Meter hoch war das „Traumschiff“ von Bausch und Menzel

Pirat und Wikinger

Gerade den älteren Straubingern dürften auch noch die „Pirat“, oder „Wikinger“-Anlagen aus den 70er Jahren bekannt sein, die häufig am Gäubodenvolksfest aufgebaut waren.

 

Auch diese Anlagen stammten damals schon überwiegend von der bekannten Herstellerfirma HUSS aus Bremen und sind heute noch in vielen Freizeitparks auf der ganzen Welt zu finden.

 

Diese „Piraten“ - oder eine Anlage hieß z. B. auch „Alte Liebe“-  hatten meist eine Kapazität von knapp 60 Personen.

 

Der Riesenerfolg dieser Schaukelschiffe machte es sogar einmal auf dem Oktoberfest notwendig, dass man 2 dieser „Piraten“-Schiffe hintereinander aufbaute um die vielen fahrwütigen Gäste „wegzufahren“.


Freizeitparks - auch in Japan

Zu dieser Zeit waren auch Freizeitparks auf der ganzen Welt und vor allem auch in Japan so „in“, dass es gewaltige Anstürme auf zahlreiche Attraktionen gab, darunter eben auch auf diese „Schaukelschiffe“.

 

Um diesem „Ansturm“ auf Dauer entgegentreten zu können entwickelte daraufhin Anfang der goldenen 80er die Firma HUSS ein Riesenschiff gigantischen Ausmaßes, welche alle bisher bekannten Schaukelkonstruktionen in den Schatten stellte. Der „Toshimaen Amusementpark“ in der Nähe von Tokio war seinerzeit der Auftraggeber dieser Konstruktion.

 

Die Verantwortlichen in Japan hatten schon früher Aufträge an die Firma HUSS erteilt (darunter eben auch einen „Piraten“) und da wohl die Kapazität eines „normalen Piraten“ nicht mehr ausreichten stießen sie diesen Auftrag an. Die Firma HUSS konstruierte nun eine Anlage mit 2(!) Schiffen und einer Personenkapazität von JEWEILS 120(!) Fahrgästen! Somit erreichte man in Japan eine Stundenkapazität von 2.400 Personen!

 

Erstaunlicherweise sind auch heute noch die beiden 34 Meter hohen „Flying Pirates“ in Japan zu bestaunen und üben in dem Park in der Nähe von Tokio eine enorme Anziehungskraft aus. (Linktipp: https://www.youtube.com/watch?v=qVBMihIWQkU, oder auch: https://www.youtube.com/watch?v=BXKku4bNwAU).

Etwas Großes für Deutschland musste her

Und eben auch genau Anfang der 80er Jahre überlegten die beiden Münchner Schaustellerpioniere Rudi Bausch und Egon Menzel etwas Einzigartiges auf deutsche Festplätze zu bringen. Groß sollte es sein, von weitem zu sehen sollte es sein und transportabel musste es natürlich sein, da man diese Neuheit ja auf allen großen und namhaften Veranstaltungen in Deutschland präsentieren wollte.

 

Schnell trat man (auch aufgrund der hintereinander aufgestellten Piratenschiffe am Oktoberfest) an die Firma HUSS heran, die die beiden Schausteller auf die in Japan erfolgreichen Schaukelschiffe hinwies. Von der Idee überzeugt gaben sie nur wenige Monate später eine transportable Version bei HUSS in Auftrag.

Premiere Hamburger Sommerdom 1984

Schon am Sommerdom 1984 konnte dann bereits Premiere gefeiert werden. Das auf den Namen „Traumschiff“ getaufte Karussell schaukelte dann die ersten mutigen Passagiere in den Hamburger Himmel.

Abendimpression des Stahlgiganten

Ausmaße

Die Konstruktion sprengte – wie eingangs schon erwähnt – alle Rekorde. Das Grundmaß betrug satte 37 x 24 Meter. Hoch war das Traumschiff knapp 35 Meter. Man bewarb das „Traumschiff“ als das größte, transportable Schiff der Welt – und dies mit Recht! Bis heute wurde auch tatsächlich keine größeren Reise-Anlagen mehr konstruiert und gebaut, denn auch transportable Schaukeln wie z. B. „Konga“ oder „Frisbee“ kamen nie an die Größe des „Traumschiffes“ heran. Lediglich mit der Höhe können sich die Schaukeln aus dem Hause KMG messen.

 

Nach seiner Premiere 1984 in Hamburg, gastierte das „Traumschiff“ noch auf dem Pützchens Markt in Bonn und sein dritter Platz war dann bereits sein Heimathafen „Münchner Oktoberfest“. Dort fand es viele begeisterte Passagiere. Darunter war u. a. auch der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Ihn konnte man sogar öfters mal am „Traumschiff“ mitfahren sehen.

 

Zum Bild:
Gigantische Ausmaße: Das Traumschiff mit seinen 37 x24 Metern und einem Flugradius von 56 Metern die größte bisher reisende Schiffschaukel der Welt!

Transport

Nun Größe hat aber auch seine Nachteile, denn aufgrund seiner enormen Maße konnte der Schaukelgigant nur auf den großen Festplätzen aufgebaut werden. Alleine 12 Transporte waren nötig um nur das Karussell von einem auf den anderen Platz umzusetzen. Sogar das Schiff selbst – dieses war rund 17 Meter lang - war in der Mitte einmal längs geteilt um es überhaupt „fahrbar“ zu machen. Deshalb gab es auch oft erstaunte Blicke wenn die beiden „halben Schiffe“ durch die Städte Richtung Festplätze rollten. Auch der Schaukelradius mit 56 Metern war eine Sensation.

Die 4 Masten bestanden aus jeweils drei Segmenten. Sie besaßen jeweils einen eigenen Transport für das untere Maststück. Die weiteren benötigten Mastteile kamen dann auf Spezialhängern auf den Festplatz transportiert. Die Hauptachse war ebenfalls ein Transport und schlug alleine schon mit satten 13 Tonnen zu Buche. Die Auf- und Abbauaktion war damals nur mit einem 160-Tonnen-Autokran zu bewerkstelligen, welcher seinerzeit schon Unsummen an Kosten verschlang. Rudi Bausch erzählt uns mal in einem Interview, dass ihr Steuerberater alleine die Krankosten in den zehn Jahren in den sie das „Traumschiff“ ihr Eigen nannten auf runde 500.000 Euro bezifferte! Nur die Krankosten wohl bemerkt! Dies wäre heute sogar um ein vielfaches teurer und nicht mehr zu finanzieren.

Technik

Das „Traumschiff“ war schon echt etwas besonders! In jeder Hinsicht. Der Fahrstand z. B. war in Form eines Leuchtturmes gefertigt und nur von dort aus konnte der „Operator“ alles gut von oben überblicken. Das Schaukeln wurde über eine Achse mit 2 Reibrädern bewerkstelligt (also auch genauso wie man es vom bekannten Frisbee des gleichen Herstellers her kennt), welche am Mittelbau gegen die gerundete Unterseite des Fahrgastträgers drückte. Schon damals nutze man dafür Gleichstrommotoren. Die Antriebseinheit besaß eine komplizierte Luftfederung um die gewaltigen Aufschläge des Schiffes abzufangen.

Reduzierung der Personenzahl

Insgesamt 10 Jahre war das „Traumschiff“ eine markante Karussellkonstruktion auf vielen Festplätzen. Anders wie in Japan war jedoch die Kapazität von 120 Personen pro Fahrt wohl doch etwas zu viel des Guten, denn nicht einmal auf dem großen Oktoberfest schaffte man es häufig genug das Schiff komplett voll zu bekommen, weshalb wohl auch nach einer gewissen Zeit eine Sitzplatzreduzierung auf 100 Personen erfolgte. Witziger weise machte man dazu einfach die beiden mittleren Sitzreihen zu und postierte Passagier-Schönheiten in Form von Schaufensterpuppen auf dem „Deck“ die nun jede Fahrt leicht „bekleidet“ absolvierten!

Das „Traumschiff“ auf seinem Heimatfest dem Münchner Oktoberfest

Ankerplatz Straubing – Gäubodenvolksfest

Das „Traumschiff“ gastierte insgesamt 4 Mal in Straubing und hatte seinen Stammplatz am mittleren Durchgang des Hagens. 1985, 1987, 1989 und 1992 schaukelte der Gigant die Straubinger Gäubodenvolksfestbesucher in den bayerischen weiß-blauen Himmel bevor sich Rudi Bausch und Egon Menzel entschlossen das „Traumschiff“ zu veräußern.

Das „Traumschiff“ bei seinem letzten Gastspiel in Straubing 1992

Der Moskauer „Gorky Park“ machte den beiden ein gutes Angebot und so entschloss man sich schnell zu einem Verkauf, da das Karussell enorme Kosten verursachte und die Volksfeste für solche riesigen Karussellanlagen nicht mehr lukrativ genug waren.

Leider gibt es auch den „Gorky Park“ nicht mehr und das „Traumschiff“ vegetiert auf einem russischen Schrottplatz vor sich hin. Experten zu Folge ist eine „Reaktivierung“ weder noch möglich, bzw. auch gar nicht mehr rentabel. Und tatsächlich war es so, dass man in den letzten Jahren das „Traumschiff“ im „Gorky Park“ nicht einmal mehr die 90 Grad schaukeln hat sehen wie es zu Glanzzeiten in Deutschland noch der Fall war.

Schade um dieses optisch, wie vom Fahrgefühl her rasantes Fahrgeschäft welches nur noch in seiner Ursprungsversion in der Nähe von Tokio zu bestaunen ist!

Modell-Traumschiff hat überlebt

Lediglich der Modellbaubauer Thomas Schmid aus Straubing hat den Giganten „Traumschiff“ in einem Modell „verewigt“ welches immer noch in seinem Besitz ist und mit dem er viele Ausstellungen und Feste beschickte.


Eigens von Hand gefertigt aus Holz, Metall, Styropor und verschieden anderen Materialien fertigte er ebenfalls in den 80er Jahren zu seinen bekannten Modellen „Ranger“, „Auto-Scooter“, „Break Dance“ (2 Anlagen), „Fly Over“ oder den diversen Achterbahnen das „Traumschiff“ welches viele Jahre zu sehen war und in den ersten Jahren noch „Paciffic Boat“ hieß.


Erst später entschloss man sich dann auch für den bekannteren und klangvolleren Namen „Traumschiff“. Um den Schiffskörper möglichst schwer zu machen wendete man damals – genau wie bei Bausch´s und Menzel´s  Traumschiff - den Trick mit den beiden mittleren geschlossenen Sitzreihen an und hinterfüllte den Hohlraum mit Steinen um dem Schiff mehr Schwung beim Schaukeln zu geben (anders wie beim Fahrgastträger des „Rangers“ der ja möglichst leicht sein muss). Lediglich Schmid´s „Traumschiff“-Fahrgastträger besteht nur aus einem Transport.


Ebenso wie das Original kann das „Traumschiff“ auf- und abgebaut, sowie transportiert werden. Und ebenso wie im Original muss es auch heute noch aufwendig mit einem Modell – Auto-Kran auf- und abgebaut werden. „Zu aufwendig“ wie uns Thomas Schmid erzählt, „denn zum Auf- und Abbau benötigen wir zwischen 3 und 5 Tage, man kann leider niemanden mehr dafür begeistern das Geschäft so aufwendig zu betreiben“. Und somit geht auch Schmid´s „Traumschiff“ leider vorerst nirgends mehr „vor Anker“.


Aber Thomas Schmid erzählte uns, dass momentan am „Traumschiff“ wieder gearbeitet und u. a. die Beleuchtung auf LED umgestellt wird. Aktuell steht es in den firmeneigenen Werkstätten aufgebaut und wird etwas angepasst. Ob und wann das „Traumschiff“ dann wieder auf Reisen geht, ob es veräußert wird oder in einem Museum wieder zu bestaunen sein wird bleibt offen.

Und somit bleiben nur die „Erinnerungen“ und ein paar Fotos (u. a. auch von unserem Kollegen Jörg Henke aus Düren) dieses Stahlgiganten und die vielen, schönen Fahrten in diesem „Giganten der Festplätze“!

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Text: Thomas Schmid
Modell-Text: Hans Kudlik
Bilder: Thomas Schmid und Archiv Schmid, Jörg Henke